Macron in Berlin: Der Progressive.

11.30 Uhr, das Hotel Park Inn by Radisson am Alexanderplatz war einst, noch unter dem Namen Hotel Stadt Berlin, einer der Orte in Ost-Berlin, an dem Güter nach westlichen Standards erhältlich waren – und entsprechend ihren Preis hatten. Diese Zeiten als Sehnsuchtsort für Ostberliner ist vorbei – am heutigen Tag scheint es aber ein solcher junger Franzosen zu sein.

Ein junges Publikum

Ich fahre den gläsernen Aufzug in die dritte Etage: En Marche ! ist hier überall zu lesen. Ich trage mich auf der Anwesenheitsliste ein und werde dazu eingeladen, auf der Webseite auch gleich Mitglied zu werden. En Marche ! ist die Bewegung des ehemaligen Wirtschaftsministers von Frankreich, Emmanuel Macron. Einst wurde er jüngsten Leiter des Ressorts seit Valéry Giscard d’Estaing ernannt, heute polarisiert der 39-Jährige die politische Landschaft Frankreichs. Er ist eine Bedrohung für die großen Parteien, vor allem die Parti Socialiste, die ihre Mitglieder zum smarten Ex-Banker überlaufen sehen. Er ist Hoffnungsträger vor allem junger, pro-europäischer Franzosen.

Der Saal füllt sich allmählich, anfangs war das Publikum überwiegend jung und männlich, nun kommen auch junge Frauen in den Saal. Dazwischen auch einige Franzosen im Rentenalter. Im Bühnenbereich bereiten einige Anhänger Macrons etwas hektisch den Auftritt vor. Dann tritt einer von ihnen ans Mikro und verkündet, dass sich der Star des Vormittags verspätet – aber er sei unterwegs.

In der Zwischenzeit improvisieren die anwesenden Macron-Unterstützer, indem sie das Mikrofon hin- und herreichen und jeweils ihre persönliche Geschichte der Politisierung zum Besten geben. Das strengt mit der Zeit eher an, offenbart aber interessante Einblicke in die Zusammensetzung von Macron: Sowohl Anhänger eher linker, grüner Parteien, aber auch ein Mitglied von François Bayrous MoDem sind anwesend, dazu eine Reihe von jungen Leuten, für die Macrons Kandidatur das politische Erweckungserlebnis war.

Die wichtigsten Punkte

Nach einer Stunde betritt Macron den mit knapp 350 Leuten gefüllten Saal, umringt von einer unüberschaubar großen Menge an Journalisten. Seine Rede hält er entsprechend kurz:

  • img_0030Er sieht durch die Digitalisierung radikale Veränderungen auf den Arbeitsmarkt zukommen. Dies will er dadurch beheben, dass an Stelle der starken Stellung der Interessenverbände (sprich: Gewerkschaften) mehr individuelle Absicherung kommen soll.
  • Im Digitalen solle ein wirklicher europäischer Binnenmarkt entstehen – mit einer europaweiten Anpassung von Standards.
  • Die Universitäten sollen zu einer Art Fort- und Umbildungsstätte für Menschen allen Alters werden da, so Macron, sich Berufe ändern werden und die Bürger sich darauf gefasst machen müssen, nicht mehr nur eine Ausbildung für einen Beruf zu absolvieren.
  • Macron nennt sein Programm das einzige „pro-europäische Angebot“ der Wahlen: Er wendet sich stark gegen Grenzschließungen, spricht sich aber für eine stärkere europäische Zusammenarbeit in Fragen innerer und äußerer Sicherheit aus.
  • Er spricht sich für eine starke deutsch-französische Führungsrolle innerhalb der Eurozone aus und fordert mehr Investitionen in ganz Europa. Es müsse einen „Stimulus“ geben, um die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen.
  • Zuletzt gab er an, dass seine Bewegung für die Parlamentswahlen Kandidaten aufstellen werden, die sich parteipolitisch sowohl aus bisherigen Sozialisten, Republikanern, aber auch Grünen und Mitgliedern von UDI rekrutieren.

Fazit

Nach einer Stunde beendet Macron sein Treffen mit Berlins französischer Community. Als Kandidat bleibt er vor allem für deutsche Beobachter schwer zu greifen. Seine Vorschläge zum Arbeitsmarkt entsprechen sicher nicht dem klassischen Vokabular eines Sozialisten, denn er rüttelt an Dogmen, die der französischen Linken heilig sind. Andererseits fordert er durchaus mehr staatliche Interventionen – ob nun Investitionen in die Infrastruktur oder den Aufbau einer stärkeren europäischen Kooperation auf Militärebene – so spricht auch kein Liberaler.

Macron gibt sich so, wie er sich am Liebsten sieht: Als Progressiver, nicht gebunden an Parteigrenzen. Ob er damit am Ende alle Franzosen überzeugt, die eher dazu tendieren, sich dem linken oder rechten Lager angehörig zu fühlen, bleibt abzuwarten.

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4 Gedanken zu “Macron in Berlin: Der Progressive.

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