Jean-Luc Mélenchon – Frankreichs Lafontaine

Wenn es für Frankreich Ende April an die Wahlurnen geht, ist einer zum zweiten Mal dabei, der das Establishment das Fürchten lehren möchte: Jean-Luc Mélenchon. Dabei setzt der Kandidat der Plattform mit dem angriffslustigen Namen La France Insoumise, zu Deutsch „Das widerspenstige Frankreich“ auf einen Wahlkampf abseits des Mainstreams mit linken Themen. Mit einer Portion Euroskeptizismus macht Mélenchon dabei auch dem Front National Wähler abspenstig.

Karrierestart in der Parti Socialiste

Der 1951 geborene Mélenchon schlug schon früh die politische Laufbahn parallel zu seinem Berufsweg zum Lehrer und später Journalisten ein. Den Mai 1968 erlebte er als Schüler, engagierte sich früh in Gewerkschaften und sozialistischen und kommunistischen Gruppen. 1976 trat er der Parti Socialiste Mitterands bei, zwischen 1986 und 2000 und erneut von 2004 bis 2010 war er Mitglied des Senats, der zweiten Kammer im französischen System. Von 2000 bis 2002 war er zudem Berufsbildungsminister im von Jack Lang geführten Bildungsministerium.

Der Bruch mit der PS kam 2008, als die Partei unter Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal nach Mélenchons Meinung zu stark nach rechts driftete. Mélenchon gründete daraufhin mit anderen die Parti de Gauche (Dt. Linkspartei) nach dem Vorbild der deutschen DIE LINKE. 2009 wurde Mélenchon Europaabgeordneter, bei den Präsidentschaftswahlen 2012 errang er elf Prozent der Stimmen und wurde im ersten Wahlgang Vierter. Seither gilt er als die französische Version von Oskar Lafontaine.

Verfassungsreform, Ökologie, Referendum über den Verbleib in der EU.

2017 hat Mélenchon seinem Programm einen zusätzlich bürgernahen Anstrich gegeben. Seine Anhänger durften über die wichtigsten Themen abstimmen. Unter anderem:

  • Eine große Verfassungsreform, die dem Bürger mehr Mitbestimmung verleihen soll und unter anderem die Wahlpflicht und das Recht, Abgeordnete während eines laufenden Mandats des Amtes zu entheben, vorsieht.
  • Außerdem soll in die Verfassung sowohl das Recht auf Wohnen, als auch das Recht auf Arbeit aufgenommen werden.
  • Ein höherer Mindestlohn und Lohngleichheit zwischen Mann und Frau.
  • Ein Ausstieg aus der Atomenergie und Investitionen in erneuerbare Energien.
  • Ein Ausstieg aus der NATO.
  • Eine Konfrontation mit der deutschen Regierung zur EU-Haushaltspolitik.
  • Ein mögliches Referendum über den Verbleib Frankreichs in der EU.

Konfrontation als Stilmittel, YouTube als Heimat

Nicht nur mit Merkel sucht Mélenchon die Konfrontation – es ist sein beliebtestes Stilmittel im Wahlkampf geworden und bringt ihm gerade bei den Franzosen Popularität ein, die sich als Gegner des „Establishments“ sehen. Dies spiegelt sich auch in Mélenchons Wahlkampfstrategie wieder, die auch viel auf Angriffe gegen Journalisten setzt. im November warf er Le Monde gezieltes Bashing vor.

Dabei nutzt Mélenchon sonst gerne große Medien, um seine Botschaft zu verbreiten. Doch vor einiger Zeit entdeckte er eine bessere Variante, um viele Leute anzusprechen, denen eine Skepsis diesen Medien gegenüber innewohnt: YouTube. Der Kanal von Mélenchon, auf dem er manchmal einfach auf der Couch sitzend 20 Minuten in die Kamera plaudert, ist der politische YouTube-Channel mit den meisten Abonnenten in Frankreich (etwa 170.000 im Januar 2017). So erfolgreich, dass selbst der Front National das Prinzip kopieren wollte – allerdings ohne den gewünschten Effekt.

Fazit

Mélenchon teilt mit dem deutschen Vorbild Oskar Lafontaine nicht nur viele Inhalte und eine gewisse Skepsis gegenüber Journalisten, sondern eben auch die Vorgeschichte mit der großen sozialdemokratischen Partei. Dies ist auch der Schlüssel, um Mélenchon zu verstehen: Seine Unversöhnlichkeit der PS, die aus seiner Sicht ihre Ideale aufgegeben hat, ist ein Symptom vieler sozialdemokratischer Parteien Europas, die sich zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber konservativen Volksparteien immer weiter in die Mitte entwickelt haben. Er signalisiert zwar Benoît Hamon gegenüber die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei den Parlamentswahlen, will aber die eigenen Präsidentschaftskandidatur aufrecht erhalten. Dies führt wahrscheinlich dazu, dass Hamon und Mélenchon nicht in den zweiten Wahlgang kommen. Mélenchon selbst wird sicher mit seinen Versprechen den ein oder anderen Wähler auch vom FN abwerben – allerdings wird er Le Pens Kampagne wohl nicht groß gefährden.

(Foto: von Pierre-Selim (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0), FAL oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons)

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