Das strategische Dilemma von Emmanuel Macron

Vor etwa zwei Wochen sorgten die Enthüllungen des canard enchaîné um die mutmaßliche Scheinbeschäftigung Pénélope Fillons zu großer Freude im Lager des unabhängigen liberalen Kandidaten Emmanuel Macron. Der Ex-Minister setzte zum Überholmanöver in den Umfragen an und gilt als heißer Anwärter auf den Platz im Élysée. Aber seither läuft für ihn vieles schief. Warum?

Nicht links, nicht rechts

Emmanuel Macron gibt sich seit dem Start seiner Kampagne „En Marche“ als der Kandidat aller Franzosen, der das traditionelle Links-Rechts-Schema aufbrechen möchte. Von dieser Idee waren schon vor ihm Politiker beseelt, allerdings war bislang die Rolle als stärkster Kandidat eines Lagers fast immer der sichere Einzug in die Stichwahl des Präsidentenamts. Die Schwäche der Sozialisten und die Stärke Le Pens sorgt für eine einmalige Konstellation.

Macron mit kruden Äußerungen

Als neuer Favorit scheint Macron allerdings einen Druck zu verspüren, jedem politischen Lager gefallen zu wollen. Um den Linken zu gefallen, verurteilte er Frankreichs Kolonialismus. In L’Obs hingegen äußerte er sich in einer für einen progressiven Kandidaten eher kruden Weise zu französischen rechten Intellektuellen und der Mariage pour tous, der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe:

Une des erreurs fondamentales de ce quinquennat a été d’ignorer une partie du pays qui a de bonnes raisons de vivre dans le ressentiment et les passions tristes. C’est ce qui s’est passé avec le mariage pour tous, où on a humilié cette France-là.

Übersetzung 

Einer der gravierendsten Fehler der aktuellen Legislaturperiode war es, den Teil des Landes zu vergessen, der aus guten Gründen Vorbehalte hegt. Mit dem, was bei der „Ehe für alle“ passiert ist, hat man dieses Frankreich gedemütigt. 

Das Problem: Beide Äußerungen waren dazu geeignet, eher im jeweils entgegengesetzten Lager für Empörung zu sorgen, statt tatsächlich für Macrons Projekt zu werden. Hinzu kommt, dass gerade die Äußerung zur Ehe für alle von linker Seite als inhaltlich falsch bewertet wird. Hat man wirklich diejenigen Gegendemonstranten zur gleichgeschlechtlichen Ehe gedemütigt, die eine Einladung vom Präsidenten erhalten haben und medial und in der parlamentarischen Debatte sehr präsent waren?

Hamon lauert

Macrons Strategie ist naiv. Das strategische Dilemma, keiner Lager zuzugehören und keine Partei im Rücken zu haben, löst er nicht mit emotionalen Sprüchen, die augenscheinlich nicht sehr durchdacht sind. Jemand, der sich als Gegner der Mariage pour tous sieht, hat bereits mit Fillon und Le Pen zwei Kandidaten mit einer ähnlichen Ansicht. Wenn Macron nicht seine Enthüllung des endgültigen Programms nutzt, um Bauchgefühl-Sprüchen einen fundierten und vor allem präsidialen Unterbau zu geben, könnte sogar Hamon noch an ihm vorbeiziehen. Der hat sich nämlich bereits klar auf ein politisches Lager festgelegt – und kann dessen Wünsche vollends bedienen.

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3 Gedanken zu “Das strategische Dilemma von Emmanuel Macron

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