Interview mit Nicolas Thibault, Präsident der Französischen Vereinigung Parlamentarischer Mitarbeiter (AFCP) – Dt. Version

Seit 15 Jahren arbeitet Nicolas Thibault als parlamentarischer Assistent an der französischen Nationalversammlung. Er ist der Vorsitzende der Französischen Vereinigung Parlamentarischer Mitarbeiter (AFCP), in der vor allem Mitarbeiter konservativer und liberaler Abgeordneter organisiert sind. Im Rahmen meines Parisbesuchs konnte ich mit ihm über die Rolle der Mitarbeiter der Abgeordneten und deren Rolle in der Politik sprechen.

Die VI. Republik : Guten Tag Herr Thibault, wer sind eigentlich die parlamentarischen Mitarbeiter?

Nicolas Thibault : Es gibt kein standardmäßiges Profil für parlamentarische Mitarbeiter. Jeder Abgeordnete kann sich seine Mitarbeiter frei nach eigenen Wünschen aussuchen. Allgemein haben die meisten das Sciences Po in Paris (Anmerkung VI. Republik: Eine berühmte französische Grand École mit Politik- und Verwaltungswissenschaftlichem Schwerpunkt) besucht und Rechtswissenschaften studiert. Da man als Abgeordneter an Gesetzen arbeiten muss, ist es besser jemanden im Team zu haben, der Gesetzestexte umschreiben und Ergänzungsanträge formulieren kann. Aber genauso gut können Historiker, Geisteswissenschaftler oder Autodidakten Mitarbeiter von Abgeordneten werden.

VI: In Deutschland werden Mitarbeiter häufig nach dem Parteibuch ausgewählt. Wie wichtig ist die Partei in Frankreich?

NT: Zum Jobinterview wird von niemandem verlangt, ein Parteibuch vorzulegen. Dennoch gibt es viele Leute, die Parteiaktivisten sind oder mit Abgeordneten arbeiten, mit denen sie politisch in den grundsätzlichen Ideen einer Meinung sind. Andernfalls erschiene mir das schwierig. Aber die Partei ist nicht notwendigerweise die Eintrittshürde. Seit ungefähr fünf Jahren läuft es eher so, dass die Leute vor der Beschäftigung ein Praktikum im Rahmen ihres Studiums bei einem Abgeordneten absolvieren.

VI: Die Diskussion um die mutmaßliche Scheinbeschäftigung von Penelope Fillon hat den Berufsstand der parlamentarischen Assistenten angegriffen. Wie reagieren diese darauf?

NT : Seit Beginn dieser Affäre muss ich stets die Leute davon überzeugen, dass unsere Arbeit echt ist. Und keine Fiktion. Schwierig ist, dass jeder Abgeordnete selbst bestimmt, welche Arbeiten sein Assistent erledigt. Wenn er der Meinung ist, dass ein Auftrag pro Monat genügt, dann kann er das tun. Es ist nicht verboten. Aber die Mehrheit der parlamentarischen Mitarbeiter leistet jeden Tag viel Arbeit. Sie bereiten Fragen vor, empfangen Besuchergruppen und kümmern sich um die tägliche Post.

Viele meiner Kollegen haben eine schlechte Zeit durchleben müssen. Die Leute haben geglaubt, dass sie viel Geld für wenig Arbeit bekämen. Also musste klar gesagt werden, dass der durchschnittliche Monatslohn eines parlamentarischen Mitarbeiters bei ungefähr 2.200 Euro liegt, bei 3.000 Euro, wenn man zehn Jahre dabei ist. Wir haben normale Arbeitszeiten. Einige Mitarbeiter begleiten ihren Abgeordneten sogar am Wochenende auf Veranstaltungen im Wahlkreis. Wir mussten den Leuten diese Wahrheit über unseren Beruf vor Augen führen.

VI: Die Affäre betrifft auch die Frage, ob Abgeordnete Familienmitglieder beschäftigen dürfen sollten.

NT: Ich denke, dass die neue Parlamentsmehrheit im Juni etwas Ordnung in diese ganzen Beschäftigungen bringen werden muss, entweder mit mehr Transparenz, oder aber mit mehr Kontrolle. Das Problem mit der Beschäftigung von Familienmitgliedern ist, dass ein Verbot, so wie es in Deutschland herrscht, umgangen werden könnte. Etwa indem ein Abgeordneter den Sohn eines anderen Abgeordneten einstellt. Des Weiteren würde man diejenigen Töchter, Söhne, Partner und Partnerinnen bestrafen, die wirklich arbeiten. Derzeit ist eine Mehrheit der Franzosen gegen die Beschäftigung jeglicher Familienmitglieder. Aber ich stelle mir die Frage, ob man etwas verbieten sollte, was in der Privatwirtschaft akzeptiert ist. Was es meiner Meinung nach geben muss, sind klare Stellenbeschreibungen, um zu garantieren, dass die Leute die nötigen Qualifikationen und Studienabschlüsse mitbringen.

VI: Was bedeutet das Ende der Sitzungsperiode für die parlamentarischen Assistenten? Sind sie nun alle arbeitslos?

NT: Nein, das sind sie nicht. Tatsächlich läuft der Vertrag bis zu den Wahlen. Wird der Abgeordnete erneut gewählt, verlängert sich der Vertrag. Verliert er seinen Sitz, so verliert auch der Mitarbeiter seine Stelle. Sollten Mitarbeiter in der Wahlkampagne ihres Abgeordneten mithelfen wollen, müssen sie es auf jeden Fall in ihrer Freizeit tun, sonst fließt ihr Gehalt mit in die Wahlkampfmittel ein…

VI: …und das ist in Frankreich verboten.

NT: Genau. Deshalb können sie das nur nach Feierabend oder am Wochenende tun. Sonst könnte die nationale Aufsicht für die Verwendung von Wahlmitteln eine Wahl anfechten. Sie achtet streng auf die Einhaltung der Regeln. Deshalb gibt es auch einige Mitarbeiter, die von einer Vollzeitstelle auf eine Halbtagsstelle wechseln, um im Wahlkampf mitwirken zu können.

VI: Wollen die parlamentarischen Mitarbeiter später selbst Abgeordnete werden?

NT: Tatsächlich gibt es einige frühere Mitarbeiter von Abgeordneten, die selbst später gewählt wurden. Ich selbst habe einige Kollegen, die zu den kommenden Wahlen antreten werden. Aber andere Mitarbeiter blieben lieber im Schatten ihrer Abgeordneten. Diese Leute bleiben in der Regel etwas länger an der Nationalversammlung. Es gab Zeiten, in denen Leute in der Regel 20 Jahre diesen Beruf ausgeübt haben. Heutzutage bleiben die Leute in der Regel für eine Amtszeit, also fünf Jahre. Falls ihr Abgeordneter die Wahl verliert, wechseln einige von ihnen in Anwaltsbüros, werden freie Berater oder Lobbyisten, wechseln als Mitarbeiter in den Senat (Anmerkung VI. Republik: Die zweite Kammer im französischen System), in Gebietskörperschaften oder gehen sogar in eine komplett andere Richtung!

VI:  Was sollten die Medien, aber auch die Wähler, über den Berufsstand parlamentarischen Mitarbeiter verstehen?

NT: Ich würde mir wünschen, dass die Leute verstehen, dass unser Beruf ein echter Beruf wie viele andere ist: Ein interessanter, leidenschaftlicher, aber auch prekärer Job.

VI: Vielen Dank für das Gespräch!

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