Le Grand Débat – viel Gerede, wenig Inhalt

Die Form der Debatte war bereits im Vorfeld umstritten: Elf Kandidaten, die sich gleichzeitig auf der Bühne des Fernsehsenders BFMTV den Fragen der Moderatorinnen Ruth Elkrief und Laurence Ferrari stellen und miteinander debattieren. Ein umstrittenes Format, da die großen Kandidaten plötzlich neben den kleinen Kandidaten, die weniger als fünf Prozentpunkte im ersten Wahlgang erwartet, auftreten müssen. Dass am Ende keine Debatte zustande kam, lag aber sicher nicht an den „Kleinen“. Die wichtigsten Erkenntnisse des Abends:

Jean-Lüg Mélenchon – routiniert, aber von Hamon am Schwachpunkt getroffen

Jean-Luc Mélenchon wurde in einer Blitzumfrage des Senders zum überzeugendsten Kandidaten des Abends gewählt – was man einerseits auf eine sehr große Online-Fan-Community des Linken zurückführen kann, andererseits hat sich der Kandidat der „France Insoumise“ bereits unter fünf Kandidaten als schlagfertiger und brillanter Redner hervorgetan. Dies gelang ihm auch dieses Mal – nur Benoît Hamon, sein ärgster Konkurrent im linken Lager, entzauberte ihn einen Moment lang, als er ihm vorwarf, dass Mélenchons nur zum Schein pro-europäisch sei und es in Wirklichkeit auf den Plan B, einen linken Ausstieg aus dem Euro und der EU, hinauslaufe. Das hat gesessen.

Emmanuel Macron – Kein Kandidat für Debatten

Emmanuel Macron wurde zu meinem Überraschen ebenfalls von den Zuschauern als starker Debattenteilnehmer bewertet und landete in der BFMTV-Umfrage auf dem zweiten Platz. Starke Momente hatte Macron, wenn er seine proeuropäische Vision gegen Le Pen verteidigen durfte. In die Defensive geriet er, als er sich für seine Zeit als Minister und als Banker bei Rothschild verteidigen musste, wobei er zumindest hinsichtlich seiner Beteiligung als Minister am Alstom-Verkauf nicht bei der Wahrheit blieb. Dass das Debattenformat und vielleicht auch die vielen Kandidaten Macron überforderten, zeigte sich dann, als er François Asselineau mit Philippe Poutou verwechselte:

Philippe Poutou – der heimliche Star des Abends

Der Trotzkist Poutou tritt schon zum zweiten Mal als Präsidentschaftskandidat an, dürfte aber noch nie eine so große Bühne erhalten haben. Entsprechend gelang dem Arbeiter aus einem Ford-Werk in Bordeaux die große Inszenierung: Nicht im Anzug, sondern in Alltagskleidung in der Sendung auftretend, verweigerte er auch das offizielle Foto mit den anderen zehn Kandidaten. Seinen stärksten Moment hatte er, als er Fillon und Le Pen auf deren mutmaßliche Skandale um Scheinbeschäftigungen angreifen konnte. Bestes Zitat in Richtung Le Pen: „Wenn wir Arbeiter eine Vorladung von der Polizei erhalten, gehen wir hin, denn wir haben keine Arbeiter-Immunität.“ Poutou sprach in Richtung der großen Kandidaten genau das aus, was sich wohl auch viele Franzosen denken.

Marine Le Pen – Inszenierung als Opfer

Marine Le Pen sah ob der Attacke des „einfachen Arbeiters“, als dessen Stimme die Front-National-Kandidatin gerne inszeniert, ziemlich alt aus. Aber nicht nur in diesem Moment war die Kandidatin, die ihre Partei als regierungsfähig darstellen möchte, nicht auf der Höhe. Sie rechtfertigte sich damit, dass ihre Mitarbeiter nicht für, sondern gegen Europa arbeiteten, und dass sie darauf stolz sei. Bei hartnäckigen Nachfragen der Moderatorinnen fragte Le Pen: „Bin ich hier im Kreuzverhör?“ Und selbst als die Rechtsextreme massiv die Redezeit überzog und zur Ordnung ermahnt wurde, kommentierte sie: „Sie schneiden mir also das Wort ab.“ Eine peinliche Vorstellung von Le Pen.

François Fillon und Benoît Hamon – Blass

Von den Kandidaten der eins großen Parteien des französischen Systems, François Fillon und Benoît Hamon, war in der Debatte wenig zu sehen, was noch einmal das Ruder bei den Wahlen herumreißen könnte. Fillon dürfte mit einer Klageandrohung gegen Poutou, die verstörend hochnäsig wirkte, seine letzten Chancen auf den Platz im Elysée-Palast verspielt haben:

Hamon machte zwar wenig falsch, brillierte sogar, als er die Moderatorinnen zur Einhaltung des Zeitbudgets der Kandidaten mahnte, konnte aber weder sein Kernthema, das universelle Grundeinkommen, präsentieren, noch Macron entscheidend attackieren.

Die kleinen Kandidaten – außer Poutou und Arthaud kein Gewinn

Tatsächlich war neben Philippe Poutou einzig Nathalie Arthaud noch ein Gewinn für die Debatte in inhaltlicher Hinsicht, wenngleich man sich hinterher fragen musste, was beide Kandidaten jetzt nun unterscheiden soll. Jacques Cheminade wirkte etwas zu langsam für das Debattentempo, forderte immer wieder eine Revolution gegen die Finanzmärkte und spielte auf seine Obsession für die Raumfahrt an. Nicolas Dupont-Aignan wollte Fillon attackieren, blieb aber auch inhaltlich zahnlos. François Asselineau wollte Le Pen mit Radikalforderungen nach einem Ausstieg aus der EU, dem Euro und der NATO rechts überholen und warf am Ende nur noch Sprichwörter und Verfassungsartikel in den Raum. Jean Lassalle, der Schäfer aus dem Béarn, wirkte auf eine Vielzahl von Zuschauern alles andere als nüchtern und sorgte weniger für inhaltliche Glanzpunkte, denn allgemeine Heiterkeit.

Fazit:

Als Wahlhilfe dürfte diese Debatte wenigen Franzosen genützt haben. Dazu fehlt auch dieser Debatte zu sehr die Möglichkeit nach einem sofortigen Überprüfen von in den Raum geworfenen Fakten. Statt einem Gewinn an Wissen über die Inhalte der Kandidaten und deren Umsetzbarkeit, gab es eine Sendung, die fast schon als reine Unterhaltung durchgehen müsste. Unterhaltung der langatmigeren Sorge.

Fotos:

Nathalie Arthaud: Foto: Par Minamonoch — Travail personnel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18496700

Philippe Poutou: Foto: Par Photothèque Rouge/JMB, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47643124

Jean-Luc Mélenchon: Foto: Par Jean-Luc Mélenchon avec Nicolas Hulot.jpg: http://www.melenchon.frDerivativework: Adzo.1 — →Cette image a été extraite d’un autre fichier : Jean-Luc Mélenchon avec Nicolas Hulot.jpg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46917698

Benoît Hamon: Foto: von Jackolan1 (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Emmanuel Macron: Foto: Par OFFICIAL LEWEB PHOTOS — LEWEB 2014 – CONFERENCE – LEWEB TRENDS – IN CONVERSATION WITH EMMANUEL MACRON (FRENCH MINISTER FOR ECONOMY INDUSTRY AND DIGITAL AFFAIRS) – PULLMAN STAGE, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48345540

Jean Lassalle: Foto: Par Marie-Lan Nguyen — Travail personnel, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9068026

François Fillon: Foto: Von Remi Jouan – Photo taken by Remi Jouan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5405429

François Asselineau: Foto: By Union Populaire Républicaine (https://www.upr.fr/non-classe/photo-officiel) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Nicolas Dupont-Aignan: Foto: Par Laurence de Terline — https://www.flickr.com/photos/deboutlarepublique/14063254555/in/set-72157644411945451, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39840635

Marine Le Pen: Foto: Marie-Lan Nguyen — Travail personnel, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10229367

Jacques Cheminade: Foto: Par Julien Lemaître — http://www.cheminade2012.fr/images2012/Jacques-Cheminade_2.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18496701

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