Wie französische Korrespondenten in Deutschland die Wahl sehen.

Das Jahr 2017 steht im Ruf, ein Schicksalsjahr für die Zukunft Europas zu werden. Nach den Parlamentswahlen in den Niederlanden, folgen noch drei weitere Abstimmungen, in EU-Mitgliedsländern, die angesichts der Volksabstimmung über den Brexit im vergangenen Jahr die Union wahlweise stabilisieren oder an den Rand der Auflösung bringen könnten: Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Frankreich, sowie die Bundestagswahl in Deutschland. Beide Wahlen werden im jeweils anderen land genau beobachtet. Aus diesem Grund wollte ich von in Berlin ansässigen französischen Korrespondenten wissen, wie sie die Wahlen sehen.

Wieder: Deutsche betrachten die Kandidaten anders

Thomas Wieder berichtet seit 2003 für die Tageszeitung Le Monde, hat sich im Politik-Ressort ab 2011 um die Parti Socialiste und den Elysée-Palast gekümmert und übernimmt seit 2016 die Aufgabe des Deutschland-Korrespondenten. Er sieht die Wahl 2017 wie kaum eine Wahl zuvor von einer allgemeinen Unsicherheit über den Ausgang geprägt. Dieses Gefühl teilen die französischen und deutschen Wahlbeobachter, allerdings gibt es, so Wieder, Unterschiede darin, wie Deutsche die Kandidaten betrachten.

„Für die Deutschen klingt die Möglichkeit eines Siegs von Marine Le Pen wahrscheinlicher als für die Franzosen“, sagt der Monde-Journalist. Franzosen gehen stärker von einer Niederlage der Front-National-Kandidatin im zweiten Wahlgang aus, als Deutsche. Auch haben seine deutschen Kollegen mehr Unverständnis darüber gezeigt, dass François Fillon trotz schwerwiegender Vorwürfe der Scheinbeschäftigung seine Kampagne fortführte, als französische Kollegen.

Macron ist in Deutschland beliebter

Wieder sieht zudem, dass Emmanuel Macron insgesamt in Deutschland positiver gesehen wird, als in seinem Heimatland: „Wenn jemand von sich selbst sagt, dass er weder links, noch konservativ ist, dann passt das eher zum deutschen politischen System, das sehr auf Koalitionen unter den Parteien und Konsens ausgelegt ist.“ Frankreich sei hingegen noch stark von einem Links-Rechts-Schema bestimmt.

Im Vergleich zwischen der Euphorie um SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz und dem raschen Aufstieg von Macron sieht Wieder Gemeinsamkeiten: „Beide sind was Europa anbelangt Brüder im Geiste, außerdem pflegen sie sehr das Image des Quereinsteiger in die jeweilige nationale Politik. Schulz, weil er aus dem Europaparlament kommt, Macron, weil er noch nicht lange auf der politischen Bühne ist.“ Einen großen Unterschied gebe es dennoch: „Schulz ist derjenige, der die SPD gerettet hat, während Macron eigentlich die traditionellen Parteien überwinden will.“

Thibaut: TV-Debatte nicht sehr gewinnbringend

Seit den 90ern berichtet Pascal Thibaut als Deutschlandkorrespondent für Radio France Internationale aus Berlin. Er hat die erste TV-Debatte zwischen den elf Präsidentschaftskandidaten verfolgt und ist skeptisch: „Es wirkte stellenweise wie ein Kasperletheater, für die Vorstellung der einzelnen Programme war das Format eher nicht dienlich.“ Es sei zwar durchaus gut für die weniger bekannten Kandidaten gewesen, aber auch den Zeitpunkt der Ausstrahlung fand Thibaut weniger hilfreich: „Eine Sendung, die für die Wahlen eigentlich von Bedeutung sein soll und bis kurz vor halb eins morgens ausgestrahlt wird, erreicht nicht unbedingt die Leute, die morgens um halb sechs aufstehen müssen, um zur Frühschicht arbeiten zu gehen.“

Er sieht im Vergleich zum deutschen System eine schwächere Verankerung der Parteien in Frankreich, die in vier große Blöcke aufgeteilt sind: Die extrem Rechten, die Konservativen, die linke Mitte und die radikale Linke. „Eigentlich steht das im Gegensatz zu den Institutionen, die darauf ausgelegt sind, dass sich relativ breite Allianzen hinter einem Kandidaten versammeln“, so Thibaut. So versammelten sich aufgrund des Mehrheitswahlrechts zwar eben doch viele unterschiedliche Strömungen hinter einem Kandidaten, diese haben aber nach der Wahl oft inhaltlich dann nicht mehr viel miteinander gemeinsam.

Widersprüchliche Allianz zwischen Front National und AfD

Die grenzüberschreitenden Treffen zwischen Vertretern des Front National und der Alternative für Deutschland sieht Thibaut eher als PR-Aktion, trotz Gemeinsamkeiten in der Haltung zur Flüchtlingspolitik und der Ablehnung des Islam: „Obwohl Marine Le Pen und Frauke Petry gemeinsam auftreten, ist der FN vielen AfD-Mitgliedern doch noch suspekt. Für die einen, da die Partei immer noch stark mit dem Erbe Jean-Marie Le Pens und dessen Rassismus verbunden ist. Für andere, da der FN in seinem Wirtschaftsprogramm sehr weit links steht und auf viele Staatsinterventionen setzt, während viele AfD-Vertreter eher wirtschaftsliberal sind.“ Gemeinsame Treffen von FN und AfD, wie etwa im Januar in Koblenz, bei dem auch Geert Wilders anwesend war, dienten eher der Produktion „schöner Bilder“, die ein geschlossenes Bild vermitteln sollen, so Thibaut.

Den französischen Deutschlandkorrespondenten können Sie hier auf Twitter folgen:

Thomas Wieder (Le Monde): @ThomasWieder

Pascal Thibaut (Radio France Internationale): @pthibaut

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