Warum #MacronLeaks in fast jeglicher Hinsicht ein Reinfall sind.

In der Nacht zum Samstag, kurz vor dem Ende der offiziellen Kampagne in Frankreich, startete auf Twitter der Hashtag #MacronLeaks, in abgewandelter Form auch #MacronGate zu trenden. Was steckt genau dahinter und wird es Einfluss auf die Wahl nehmen?

Nicht der erste Versuch, Macrons Image zu schaden

Zunächst muss gesagt werden: In den vergangenen Tagen nehmen die digitalen Versuche, dem liberalen Kandidaten Emmanuel Macron zu schaden, stark zu. Das Gerücht eines mutmaßlichen Off-Shore-Kontos auf den Bahamas samt angeblicher Dokumente über die Vertragsunterzeichnung landeten auf 4chan, einem bekannten anonymen Forum. Dieses angebliche Konto wurde von der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen während der TV-Debatte in dieser Woche erwähnt. Tatsächlich handelt es sich aber um eine plumpe Fälschung, wie etwa Numerama recherchierte und auch per Video erklärte:

Auch zirkuliert seit einigen Tagen eine manipulierte Version des Fotos von Macrons Besuch im Bundeskanzleramt, das die „Unterwerfung“ des französischen Kandidaten zeigen soll:

Bedient haben sich die Twitter-Trolle übrigens beim offiziellen Account von Macron:

Hashtag initiiert von amerikanischen Rechtsextremen

Am Freitagabend initierte nach Recherchen des AtlanticCouncil’s Digital Forensic Research Lab der rechtsextreme amerikanische Aktivist Jack Posobiec den Hashtag #MacronLeaks und verwies auf neun Gigabytes an Dokumenten, die auf Pastebin öffentlich zugänglich gemacht wurden. Die Leaks selbst deuten aufgrund der hinterlassenen kyrillischen Signaturen in einzelnen Dokumenten darauf hin, dass hier russische Hacker an die Datensätze gelangt sind und möglicherweise vorab Posobiec in Kenntnis gesetzt haben.

Kurz darauf wurde der Hashtag von amerikanischen Anhängern (und mutmaßlich vielen Social Bots) verbreitet. Die europäische (und damit französische) Twitter-Öffentlichkeit hat von den mutmaßlichen Enthüllungen vermutlich erst Notiz genommen, als die bekannte Enthüllungsplattform Wikileaks um 21:31 Uhr auf die Datensammlung hinwies, zweieinhalb Stunden vor dem Ende der offiziellen Kampagne in Frankreich.

Der Inhalt: Ein Rohrkrepierer

Jetzt beklagen viele Twitter-Aktivisten mit Sympathien für Le Pen, dass sich die Medien bislang nur für das Zustandekommen der Leaks und nicht für deren Inhalt interessieren. Das mag vor allem daran liegen, dass die Inhalte überwiegend banal sind: Kommunikation zwischen Wahlhelfern über die korrekte Bezeichnung für Schokocroissants in Frankreich (in Südfrankreich sagt man „Chocolatine“, im Rest des Landes „Pain au chocolat“):

Oder Exceltabellen mit Gehältern der Wahlkämpfer Macrons und Kostenabrechnungen für Telefonanrufe an französische Haushalte. Sprich: MacronLeaks hat enthüllt, dass Macrons Anhänger gerne belanglosen Small-Talk via E-Mail führen und das ein Wahlkampf Geld kostet. Für diese beiden Erkenntnisse hätte es nicht 9 Gigabytes an Datenmüll gebraucht.

Tatsächlich liegt hier in der ganzen Geschichte der einzig halbwegs brisante Umstand der Angelegenheit. Dass Hacker überhaupt an die Datensätze gelangt sind, sollte eine Warnung für künftige Wahlkampfhelfer sein, ein großes Augenmerk auf Datensicherheit und verschlüsselte Kommunikation zu legen.

Zeitpunkt misslungen

Nicht nur die fehlende Brisanz der Daten fällt ins Auge, sondern auch der gänzlich verkorkste Zeitpunkt: Aufgrund der strengen Gesetzgebung in Frankreich dürfen seit Mitternacht keine Kandidaten oder Wahlkämpfer mehr öffentlich Einfluss auf die Wahlen nehmen. Sprich: Selbst Le Pen kann nicht einmal in aller Öffentlichkeit ihren Konkurrenten mit den Mails attackieren.

Auch Wikileaks‘ Teilen der Datensätze dürfte bei unentschlossenen Wählern in Frankreich aufgrund der Art und Weise kaum auf Begeisterung stoßen. Selbst der französische Anwalt der Enthüllungsplattform kritisierte auf Twitter die Art und Weise der Veröffentlichung.

Fazit: #MacronLeaks schadet nicht Macron, sondern der Glaubwürdigkeit von Leaks

Insgesamt trägt #MacronLeaks die deutliche Handschrift der Verzweiflung: Nach Le Pens verkorkstem Auftritt im Fernsehduell mit Macron und einem Popularitätsverlust in den Umfragen sollten die Veröffentlichungen noch einmal das Ruder herumreißen. Dafür war aber der Zeitpunkt schlecht gewählt, da Le Pen mit den Enthüllungen vor dem TV-Duell ihren Gegenüber härter hätte angehen können.

Außerdem fehlt den Enthüllungen – im Gegensatz etwa zur Arbeit des canard enchaîné in der Fillon-Affäre – jeglicher Skandal. Hätten die Hacker Macron wirklich in Bedrängnis bringen wollen, hätten sie eine Liste seiner Wahlkampfspender veröffentlicht. Und nicht belanglosen Datenmüll. Der Fall #MacronLeaks wird weniger Macron schaden, als dem ohnehin ramponierten Image von Wikileaks und der Praxis der journalistischen Enthüllung an sich.

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